Feature: "Mrs. America". Wie Phyllis Schlafly den rechten Kulturkampf prägte.
18.02.2025 27 min
Zusammenfassung & Show Notes
Rechte Kulturkämpfe WTF?!
Rechte Kulturkämpfe prägen politische Agitation und Diskurse nicht erst seit Trump, FPÖ oder AfD. Im deutschsprachigen Raum ist der Name Phyllis Schlafly weitgehend unbekannt. Dabei prägte sie die GOP und antifeministische Strömungen in den USA bis zu ihrem Tod 2016 und unterstütze Trump aktiv bei seinem ersten Wahlkampf.
Dieses Feature beschäftigt sich mit Schlaflys Rolle in diesem rechten Kulturkampf. Wer war Phyllis Schlafly? Inwieweit beeinflusste sie antifeministische Diskurse? Wie agierte sie und wie ist sie ideologisch zu verorten? Aufbereitet für ein deutschsprachiges Publikum und unterlegt mit O-Tönen soll ein kritisches Biopic einer Frau gezeichnet werden, die sich den Antifeminismus auf die Fahnen schrieb und nach politischer Macht strebte.
Quellen & O-Töne:
Rechte Kulturkämpfe prägen politische Agitation und Diskurse nicht erst seit Trump, FPÖ oder AfD. Im deutschsprachigen Raum ist der Name Phyllis Schlafly weitgehend unbekannt. Dabei prägte sie die GOP und antifeministische Strömungen in den USA bis zu ihrem Tod 2016 und unterstütze Trump aktiv bei seinem ersten Wahlkampf.
Dieses Feature beschäftigt sich mit Schlaflys Rolle in diesem rechten Kulturkampf. Wer war Phyllis Schlafly? Inwieweit beeinflusste sie antifeministische Diskurse? Wie agierte sie und wie ist sie ideologisch zu verorten? Aufbereitet für ein deutschsprachiges Publikum und unterlegt mit O-Tönen soll ein kritisches Biopic einer Frau gezeichnet werden, die sich den Antifeminismus auf die Fahnen schrieb und nach politischer Macht strebte.
Quellen & O-Töne:
- „Trump speaks at Phyllis Schlafly’s funeral” vom 10. September 2016, CNN https://www.youtube.com/watch?v=1Bng_6HZlPM
- Robert Evans: Phyllis Schlafly: The Mother of all Culture Wars. In: Podcast “Behind the Bastards”, Folge vom 20. Mai 2023. https://www.youtube.com/watch?v=yj45YLlus0c&t=1707s
- Arbora Johnson: Phyllis Schlafly. Onlinequelle: National Women’s History Museum: https://www.womenshistory.org/education-resources/biographies/phyllis-schlafly
- FX Production: Mrs. America. TV-series, 2020, Episode 1. https://www.disneyplus.com/de-de/play/38ebc9f0-a131-4a11-82a0-80890d8ec52e
- “Phyllis Schlafly: First Job in Politics”, Interview with “MAKERS” https://www.youtube.com/watch?v=jqdn1CD4snQ
- Mark DePue: Interview with Phyllis Schlafly. ALPL Oral History Program. https://presidentlincoln.illinois.gov/Resources/e1001976-82d4-4a4e-9d3c-1388e13fed87/Schlafly_Phy_4FNL.pdf
- Phyllis Schlafly: A Choice Not an Echo. Self-published, 1964.
- Interview Phyllis Schlafly, A Choice Not An Echo, Eagle Forum: https://www.youtube.com/watch?v=T6mVMDFKK_8
- Annika Brockschmidt: Amerikas Gotteskrieger. Wie die Religiöse Rechte die Demokratie gefährdet. Rowohlt, Hamburg 2021. https://www.rowohlt.de/buch/annika-brockschmidt-amerikas-gotteskrieger-9783499006487
- Annika Brockschmidt: Die Brandstifter. Wie Extremisten die Republikanische Partei übernahmen. Rowohlt, Hamburg 2024. https://www.rowohlt.de/buch/annika-brockschmidt-die-brandstifter-9783498003302
- Christian Röther: John Birch Society – Vorreiter der Verschwörungsmythen. Deutschlandfunk, 9. Dezember 2023. https://www.deutschlandfunk.de/9-12-1958-gruendung-der-antikommunistischen-john-birch-society-in-den-usa-dlf-94377967-100.html
- National Archives: The Equal Rights Amendment: The Most Popular Never-Ratified Amendment. https://education.blogs.archives.gov/2013/12/05/the-equal-rights-amendment/
- US-Congress/Alice Paul Institute: ERA. Equalt Rights Amendment FAQ, Washington 2018. https://www.congress.gov/116/meeting/house/109330/documents/HHRG-116-JU10-20190430-SD013.pdf
- Betsy Klein/Arlette Saenz: Biden says Equal Rights Amendment is ratified, kicking off expected legal battle as he pushes through final executive actions, January 17th 2025. https://edition.cnn.com/2025/01/17/politics/joe-biden-equal-right-amendment/index.html
- When Illinois Conservatives Blocked the ERA: https://www.chicagomag.com/news/january-2020/illinois-and-the-era/
- Snippet Hay Festival Podcast. S1, Ep9 Gloria Steinem & Laura Bates vom 28. Mai 2020: https://podcasts.apple.com/cy/podcast/s1-ep9-gloria-steinem-laura-bates/id600478477?i=1000476032745
- Phyllis Schlafly Speech „Power oft he Positive Woman” | 1977, Phyllis Schlafly Eagles: https://www.youtube.com/watch?v=IMoE0QXPjp0
- Joe Biden O-Ton by Associated Press vom 18. Jänner 2025 https://www.youtube.com/watch?v=49aur-9NHAk
- CBS Sunday Morning vom 19. April 2020, O-Ton Rose Byrne: https://www.youtube.com/watch?v=Epgq0t9vcKU
- Phyllis Schlafly Interview on ERA | Today Show 1972, Phyllis Schlafly Eagles: https://www.youtube.com/watch?v=kjrP0NFHKAE
Musik und Sounds unter CC License:
Scratch loop2 by the.dude https://freesound.org/people/the.dude/sounds/124395/
Playing in the background V20 by ScOmBer https://ccmixter.org/files/scomber/68974
Rodeohead by septahelix https://ccmixter.org/files/septahelix/63530
That’s All I Want To Do by jlbrock44 https://t.ccmixter.org/files/jlbrock44/62201
Say Their Names Break the Silence by SackJo22 https://ccmixter.org/files/SackJo22/61997
Podcastfolge licensed under CC BY-NC 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/deed.de
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Transkript
Sprecherin: Mrs. America, wie Phyllis Schlafly den rechten Kulturkampf prägte. Ein Podcast-Projekt im Rahmen
des Seminars Politische Polarisierung in den USA in Geschichte und Gegenwart an der Universität
Wien im Wintersemester 2024/25.
O-Ton: Donald Trump: She loved her country, she loved her family and she loved her god. The legacy will live on. Every time some underdog, outmatched and outgunned, defies the odds and delivers a win for the people.
America has always been about the underdog. And always and about defying the odds.
The idea, that so called "little people" or the little person, that she loved so much
could beat the system, oftentimes the rigged system,
You've been hearing a lot about it.
That the American grassroots is more powerful than all of the world's special interests put
together.
And that's the way Phyllis felt.
She's always felt that way.
That's the romance of America.
That's the story of the mother and the patriot that we honor here today.
Phyllis, who is rejoined with her late husband Fred, is looking down on us right now.
And I'm sure that she's telling us to keep up the fight.
No doubt.
No doubt about it.
Phyllis, we love you.
We miss you.
And we will never, ever let you down.
God bless you, Phyllis.
God bless her family.
And God bless everyone.
Thank you very much.
Aber von vorne: Wer war Phyllis Schlafly?
Welche Rolle spielt sie bis heute für die ideologische Ausrichtung der GOP?
Inwieweit beeinflusste sie antifeministische Diskurse?
Wie agierte sie?
Und wie ist sie ideologisch zu verorten?
Ein kritisches Biopic über eine Frau, die sich den Antifeminismus auf die Fahnen schrieb
und dennoch nach politischer Macht strebte.
Phyllis McAlpine-Stewart wurde am 15. August 1924 in St. Louis, Missouri, als die ältere von zwei Töchtern des John Bruce Stewart,
einem Maschinisten und Westinghouse-Verkäufer und Dottie Stewart, einer Lehrerin und Bibliothekarin geboren.
Die wiederholte Arbeitslosigkeit des Vaters während der großen Depression prägte das Mädchen.
Die Mutter Dottie war berufstätig, um die Familie erhalten zu können.
In der Serie "Mrs. America" wird dieser Hintergrund der Familiengeschichte in Episode 1 indirekt thematisiert.
In einer Szene zwischen Phyllis und ihrer Mutter über deren finanzielle Situation erwähnt Dottie die geringe Sozialhilfe, die es ihr unmöglich macht, ihren Alltag zu finanzieren.
Als Grund kommen die zu wenigen Beitragsjahre des Vaters zur Sprache.
Phyllis besuchte eine katholische High School und erhielt ein Stipendium,
graduierte an der Washington University und erwarb 1945 einen Masterabschluss in Government des Radcliffe College an der Harvard University.
Um ihre Studiengebühren bezahlen zu können, arbeitete sie während des Zweiten Weltkriegs in einer Munitionsfabrik.
Nach ihrem Abschluss war sie für den konservativen Think Tank American Enterprise Institute tätig und begleitete Kampagnen konservativer Kongressmitglieder.
O-Ton: My first adventure into politics was the 1946 congressional campaign
when I ran the campaign of a Republican candidate in the city of St. Louis.
Things were simpler in those days.
I was the campaign manager, the speech writer, the schedular and it was very victorious.
Politics have been my hobby ever since.
Sprecherin: 1949 heiratete sie den Anwalt Fred Schlafly, einen strammen Antikommunisten.
Wir befinden uns zu diesem Zeitpunkt in der McCarthy-Ära, am Beginn des Kalten Krieges und in einer Phase des latenten Antikommunismus.
In einem 2011 im Rahmen des Abraham Lincoln Presidential Library Oral History Projekts geführten Interviews mit Phyllis Schlafly meinte sie über McCarthy:
"Oh well, McCarthy is a great hero.
He was absolutely right."
Und weiter:
"He was a fine, honorable man.
He's probably the most investigated man in American history."
"They did everything to try to get some type of scandal on him.
They even put a mail cover so they were able to read all the mail he was getting,
which is extraordinary in this country, and they were never able to find any scandal on McCarthy."
Tatsächlich begann McCarthys Macht auch in der eigenen, der Republikanischen Partei, ab 1954 zu sinken,
als er hochrangige Mitglieder der US Army kommunistische Sympathien unterstellte.
Aber zurück zu den Schlaflys.
1957 waren die beiden Hauptautor*innen eines einflussreichen Papiers für die American Bar Association mit dem Titel
"Report on Communist Tactics, Strategy and Objectives".
Als prominente Mitglieder der antikommunistischen Bewegung galt das Papier der Schlaflys als treibende Kraft für die antikommunistische Stimmung an der Basis. Phyllis Schlafly erlangte nationale Bekanntheit mit ihrem 1964 im Eigenverlag veröffentlichten Buch "A choice, not an echo", das sie zur Unterstützung des konservativen Politikers Barry Goldwater im
Eigenverlag verfasst und herausgebracht hatte.
Darin kritisierte Schleffle den konkurrierenden Republikaner Nelson Rockefeller und die Rockefeller
Republicans als korrupte Northeastern Elites, bezeichnete die New York Times als Chief Propaganda Organ of the Secret
Kingmakers und unterstellte dem New Yorker neben anderen Medien Teil einer internationalist power structure zu sein.
Sidenote
Diese antisemitisch konnotierten Tropen dienen bis heute zur Diffamierung von Personen, egal ob diese einen jüdischen Background haben oder nicht.
Diese Tropen werden verwendet, um eine Verschwörungsabsicht angeblich dunkler Mächte zu unterstellen.
In "A choice, not an echo" arbeitet Schlafly mit zwei Bildern, die an Aktualität nichts verloren haben.
Einerseits spricht Schlafly von einer angeblichen Dichotomie zwischen "grassroot Republicans" versus einer den angeblich ursprünglichen Werten der republikanischen Partei zuwiderhandelnden Elite.
Andererseits pflanzt sie bereits in dieser frühen Zeit, wir sind in den 60er Jahren, die Erzählung von der angeblich gestohlenen Wahl, in diesem Fall in Bezug auf "republican conventions".
"Grassroots Republicans were on the kingmakers dirty tricks.
Delegates were acutely aware of how the kingmakers had stolen previous republican conventions and they were determined it would not happen again.
Grassroots Republicans were fully prepared for the propaganda blitz, the vicious charges, the phony polls, the spurious issues, the slanted press, and they didn't crumble under the kingmakers' many-pronged attack."
In einem Interview mit dem von ihr gegründeten Eagle Forum reproduzierte diese Erzählung.
O-Ton: So I worked up a new speech called "How Political Conventions Are Stolen" starting the first week in December of 1963.
And then I gave that speech all January and February and it told the story of how the Rockefeller establishment had outmaneuvered the conservatives and given the domination to me-tours like Thomas Dewey.
And by March I realized I could put it in a book and influence the convention.
Sprecherin: 300.000 Exemplare von "A Choice, Not an Echo" wurden allein nur von der John Birch Society gekauft.
In ihrem Buch "Die Brandstifter, wie Extremisten die Republikanische Partei übernahmen", schreibt die Historikerin und USA-Expertin Annika Brockschmidt,
dass jüngst entdeckte Quellen darauf schließen lassen, dass Schlafly entgegen einer Behauptung von ihr Mitglied der John Birch Society war.
1958 als antikommunistische, rechte- und Verschwörungsideologien anhängende Organisation gegründet, spielte JBS bis heute eine enorme Rolle in der Verbreitung von Desinformation und in der Reinterpretation und Verbreitung alter antisemitischer Verschwörungsmythen in neuem Kleid.
Phyllis Schlafly wurde zunehmend zu einer prominenten Stimme innerhalb der konservativen Bewegung, besuchte regelmäßig republikanische Conventions, hielt Reden und kandidierte für den Kongress, wurde jedoch nie in ein öffentliches Amt gewählt.
Schlafly und ihr Mann Fred hatten sechs Kinder. Sie bezeichnete sich oft als Hausfrau und Freiwillige und nannte Mutter ihre Hauptbeschäftigung.
Obwohl sie behauptete, nach der Heirat nie eine bezahlte Arbeit gehabt zu haben, hielten viele ihrer politischen Gegner*innen es für ironisch, dass sie sich gegen feministische Anliegen und berufstätige Frauen aussprach, während sie selbst eine aktive Karriere verfolgte.
Die Schauspielerin Rose Byrne, die in der Serie Mrs. America Gloria Steinem verkörpert:
O-Ton: "She would travel all over the country, leaving her family with help, leaving her children fighting for this thing. That's the dirty secret about Phyllis Schlafly. She's the biggest feminist of all of them."
Sprecherin: Diese Karriere beinhaltete 1978 auch einen Abschluss in Rechtswissenschaften von der Washington University in St. Louis. Schlafly wurde bekannt durch ihren Kampf gegen das Equal Rights Amendment, kurz ERA, in den 1970er Jahren.
Ihre Kampagne trug den Namen Stop ERA.
Stop stand für Stop Taking Our Privileges und beinhaltete unter anderem die Taktik,
selbstgebackenes Brot an Mitglieder des Kongresses zu verteilen.
Schlafly argumentierte, dass das Equal Rights Amendment Frauen benachteiligen würde.
Ein Side-Effekt war das 1972 gegründete Eagle Forum, eine konservative politische Interessensgruppe,
die Schlafly bis zu ihrem Tod 2016 leitete.
Eines der Beispiele für Schlaflys Argumentationslinie hört ihr jetzt im Original,
in einem Auszug aus der Today Show von 1972.
O-Ton: The major objection to the ERA is, that it would take away from women rights and privileges, which they now have. Rights to stay home. Moderatorin: They still have that right. Schlafly: Not according to law. According to constitutional authority and the debates in the Senate, this would remove and wipe out the laws of the 50 states, which make the husband primarily responsible for the financial support of his wife and children. And it isn't the matter of what you think or I think, it's a matter of what is shown in the legislating history and in the leading constitutional law."
Sprecherin: Wir machen hier kurz halt. Worum ging's eigentlich beim ERA? Das ERA wurde von der Frauenrechtsaktivistin Alice Paul 1923 verfasst und von Daniel Anthony, einem Neffen der Sufragette Susan B. Anthony, in den Kongress eingebracht. In den frühen 20er Jahren
gab es einige Gesetze, die vermeintlich zum Schutz
von Frauen geschaffen worden waren, tatsächlich jedoch die Ungleichstellung von Frauen einzementiert hatten.
So waren Frauen gesetzlich von bestimmten Berufen ausgeschlossen, angeblich weil sie physisch dafür nicht geschaffen seien.
Zusätzlich reglementierten diese Gesetze die Arbeitszeit von Frauen, jedoch nicht aus Gründen des Arbeitnehmerinnenschutzes,
sondern um Frauen zusätzlich zur Erwerbsarbeit genug Zeit für die Kinderbetreuung zu geben
und damit Rollenklischees entsprechend unbezahlte Care-Arbeit als Angelegenheit von Frauen zu belassen.
Ziel des Equal Rights Amendment war, diese Gesetze außer Kraft zu setzen, um faktische Gleichstellung zu gewährleisten.
Befürworter*innen der ERA wiesen 50 Jahre später darauf hin, dass diese angeblichen Schutzgesetze Frauen auf schlecht bezahlte Berufe
mit wenig Aufstiegsmöglichkeiten beschränkten und auch nicht daran hinderten, mehrere schlecht bezahlte Jobs anzunehmen.
Konservative und Traditionalist*innen, dazu gehörte auch Phyllis Schlafly,
sahen diese fraueneinschränkenden Gesetze jedoch als Privilegien und lehnten die ERA dezidiert ab.
Im März 1972 passierte das ERA Senat und Repräsentantenhaus mit der erforderlichen Zweidrittelmehrheit,
musste jedoch noch von den Bundesstaaten mit einer Dreifünftelmehrheit, also 60 Prozent, ratifiziert werden.
Die ursprüngliche siebenjährige Frist wurde bis 1982 ausgedehnt.
Als die Frist endete, hatten jedoch nur 35 der notwendigen 38 Bundesstaaten das Amendment ratifiziert.
Erst 2020 erfolgte die verbindliche Unterzeichnung des ERA durch den 38. Staat Virginia.
Kurz vor seiner Amtsübergabe an Donald Trump bekräftigte Joe Biden,
dass die ERA als Verfassungsbestimmung zu gelten habe.
O-Ton: "Just over a hundred years ago, a group of women proposed the ERA
to enshrine gender equality to our constitution.
Throughout my career, I've been clear:
No one, no one, no one, no one, should be discriminated against based on their sex.
And in order for the amendment to be ratified,
it requires three-fourths der Staten zu ratify.
That benchmark was passed, when Virginia ratified the ERA a few years ago.
Today, I affirm, the Equal Rights Amendment have cleared all the necessary hurdles
to be added to the US Constitution now.
The Equal Rights Amendment is the law of the land, now.
It's the 28th Amendment to the Constitution, now."
Sprecherin: Zum Zeitpunkt der Aufnahme dieses Podcast-Features ist noch unklar, wie es nun damit weitergeht.
Als das Equal Rights Amendment 1972 beide Kammern des Kongresses passierte,
trat Phyllis Schlafly auf den Plan.
Sidenote.
Einer der Spins, den Schleffle in den Ring warf, war die angebliche Implementierung
gemischter Toiletten und Umkleidekabinen in Schulen.
Ein Bedrohungsszenario, das wir heute aus Kampagnen gegen trans Personen kennen.
Jedenfalls gelang es Schlafly vor allem weisse, christlich-nationalistische Frauen aus dem Süden
und dem Mittelwesten für ihre Stop-ERA-Kampagne zu gewinnen.
In ihrer Strategie setzte Schlaffly auf klassische Methoden des Campaignings.
Sie verschickte ihren monatlichen Newsletter Phyllis Schlafly Report,
organisierte Demonstrationen und Veranstaltungen,
trat in TV-Shows auf und lobbyierte bei Abgeordneten für ihre Interessen.
In einem Interview mit der Abraham Lincoln Presidential Library 2011 sagte sie dazu:
"We were nicer to the legislators.
Wir smiled at them and sent them valentines,
and the feminists were saying nasty things about them.
Every year we had our homemade bread day,
and we brought a loaf of homemade bread to every legislator
to show that we represented the homemakers of Illinois,
and then the other side was attacking us.
We knew the feminists weren't capable of making homemade bread,
so we had a corner on that tactic."
In der Erzählung der Konservativen gilt Schlaflyy als maßgeblich dafür verantwortlich,
dass das ERA die notwendigen Ratifizierungen sowohl 1972 als auch 1982 nicht erreichte.
Gloria Steinem widersprach in einer Folge des Hay Festival Podcasts
aus dem Jahr 2020 dieser Darstellung vehement:
O-Ton: It gives you the impression that a woman named Phyllis Schlafly,
who was a very religious and right-wing woman,
opposed the Equal Rights Amendment.
It gives you the impression that she was the reason that was defeated.
In actuality, I don't believe she changed one vote.
Nobody could ever discover that she changed even one vote.
The insurance industry here opposed the Equal Rights Amendment
because if they stopped sex-segregating their actuarial tables,
it would cost them millions upon millions of dollars.
She was just the sort of, I don't know, public, you know,
that brought in at the last minute to make it seem that women were against the Equal Rights Amendment,
which actually the vast majority of women always supported the Equal Rights Amendment.
Now 90% of us support it. We still don't have it."
Sprecherin: Schleffle blieb bis zu ihrem Tod am 5. September 2016 aktiv und einflussreich in der GOP.
Sie veröffentlichte 26 Bücher, unterstützte Ronald Reagan und Donald Trump
und blieb bis zuletzt eine Gegnerin von ERA, Pro-Choice, Feminismus
und befeuerte White Supremacy, queerfeindliche und reaktionäre Ressentiments.
In ihrem Buch Amerikas Gotteskrieger skizzierte Historikerin, Publizistin und USA-Expertin Annika Brockschmidt
die Rolle Schlaflys:
Sie war die vielleicht einflussreichste konservative Aktivistin der letzten Jahrzehnte.
Schlafly hatte das Machtpotenzial eines stringent organisierten Basisaktivismus erkannt,
noch bevor Jerry Falwell und Paul Weyrich die Moral Majority gründeten.
Obwohl sie katholisch war, wurde sie gerade in evangelikalen Kreisen zum Star.
Ihr Erfolg zeigte, wie sehr die Grenzen einzelner Denominationen zu verwischen begannen
und sie war eine der ersten, die Allianzen über diese Grenzen hinweg schloss.
Feminist*innen versuchten, so Schlaffly, Frauen in eine Rolle zu drängen, die sie nicht wollten.
Eine These, die vor allem bei konservativen weißen Frauen auf Zustimmung stieß,
die meist der wohlhabenden Mittelschicht angehörten,
teilweise aber nicht über die Fähigkeiten verfügten, um auf dem Arbeitsmarkt zu bestehen.
Aber auch Frauen der Arbeiterklasse, die unzufrieden mit ihren Niedriglohnjobs waren,
fühlten sich angesprochen.
Brockschmidt schreibt weiter: Sie wurde zum konservativ-religiösen Idol
und einer der wichtigsten Aktivistinnen gegen Frauenrechte, vor allem gegen das Recht auf Abtreibung.
Was sich heute Abgeordnete wie Madison Cawthorn auf die Fahnen schreiben,
also troll the libs, die Linken provozieren,
hatte Schlafly schon vor Jahrzehnten perfektioniert.
Besonders gern brachte sie Feminist*innen auf die Barrikaden,
indem sie bei Reden zunächst ihrem Ehemann dafür dankte,
dass er ihr erlaubt hatte, öffentlich zu sprechen.
O-Ton: "It's a very great pleasure to be invited to visit with you for a while this afternoon. And I would like also to thank my husband Fred for letting me come. I love to say that because it irritates the women's liberals more than anything I say."
Sprecherin: Schlafly agierte wie ein Online-Troll, lange bevor das Internet erfunden wurde.
Sie war in vielerlei Hinsicht eine Vordenkerin und Begründerin
der religiösen und politischen Rechten,
hatte jedoch nie ein politisches Amt inne.
Paradoxerweise stand Schlafly exemplarisch für die Verbindung des Politischen und Privaten.
Noch 2014, also zwei Jahre vor ihrem Tod,
sagte sie in Bezug auf die ungleichen Einkünfte von Frauen und Männern:
"Der Einkommensunterschied zwischen Männern und Frauen hilft,
Eheschließungen zu bewerben und zu erhalten.
Der beste Weg, die wirtschaftlichen Aussichten für Frauen zu verbessern,
besteht darin, die Jobaussichten für die Männer in ihrem Leben zu verbessern,
selbst wenn das bedeutet, die sogenannte Pay Gap zu vergrößern."
Annika Brockschmidt ordnet in ihrem Buch
Amerikas Gotteskrieger die Rolle Schlaflys ein.
Ihre Einschätzung:
Schlafly bereitete den Weg für andere Frauen in der religiösen Rechten
und schuf ein Bild von christlicher Weiblichkeit.
Fazit:
Phyllis Schlafly auf ihre Rolle im Widerstand gegen das Equal Rights Amendment zu reduzieren,
wäre verfehlt.
Sie prägte die in der republikanischen Partei geführten Diskurse lange,
bevor Ronald Reagan im Wahlkampf die christlich-nationalistische Rechte explizit adressierte.
Schlaflys Engagement begann in den 1940ern.
Ihr Einfluss innerhalb der GOP wuchs kontinuierlich,
wenngleich sie ironischerweise nie eine führende Position erreichte.
Das von ihr gegründete Eagle Forum ist bis heute aktiv und propagiert Positionen,
die es bis in die Mitte der amerikanischen Gesellschaft geschafft haben.
Alleine die Tatsache, dass Donald Trump bei ihrem Begräbnis 2016 sprach,
zeigt Schlaflys Rolle, die sie beim Umbau der republikanischen Partei spielte.
International betrachtet mag Phyllis Schlafly außerhalb der USA wenig rezipiert worden sein.
Im Kontext des Aufstiegs antipluralistischer, antifeministischer und ultrareligiöser Ideologien
in westlichen Gesellschaften kann die Rolle Schlaflys als Impulsgeberin jedoch nicht hoch genug eingeschätzt werden.
Sieht man sich beispielsweise die Bestrebungen zur Abschaffung von Roe vs. Wade,
also dem Recht auf Abtreibung, an, die über Jahrzehnte hinweg von christlich-nationalistischen Akteur*innen wie Schlafly betrieben wurden,
so zeigt sich deutlich, dass diese Entwicklungen nicht erst seit wenigen Jahren bestehen.
Ob die USA, Deutschland, Polen, Ungarn oder Österreich:
Verschwörungsmythen, gesellschaftliche Backlashs, antifeministische und antipluralistische Strömungen
sind im Kern ihrer Ideologien und Methoden überlappend.
Ob QAnon, #Pizzagate oder die Einschränkung der Selbstbestimmung.
Wir beobachten eine Internationalisierung nationalistischer reaktionärer Erzählungen und Verschwörungsmythen.
Phyllis Schlafly war eine der Pionier*innen all dessen.
Die republikanische Partei wurde zu dem, was sie heute ist,
wegen Akteur*innen wie Phyllis Schlafly.